Geschichte von Stimmton und Tempo

Das A war nicht immer 440, und ein Adagio hatte nicht immer dieselbe Geschwindigkeit. Hier die Geschichte, mit dem Blech, das in jeder Epoche erklang.

Der Ton A im Lauf der Geschichte

EpocheOrt und KontextABlechbläser der ZeitStand
ca. 1550–1650Venedig und Norditalien (Kirchenmusik, „mezzo punto“)
Übliche Stimmhöhe der venezianischen Zinken. Alte-Musik-Ensembles nutzen sie heute für Gabrieli und Monteverdi.
466 Hz
≈ 460–470
Zink (Cornetto) und Barockposaunebelegt
17. Jh. – 1750Deutschland: Chorton (Orgeln und Kirchenmusik)
Deutsche Orgeln standen hoch. Bach schrieb die Orgelstimmen transponiert, damit sie zum Orchester im Kammerton passten.
466 Hz
≈ 460–480
Naturtrompete, Posaune und Zink der Stadtpfeiferbelegt
ca. 1700–1750Deutschland: Kammerton (Kammermusik; Bachs Kantaten in Leipzig)
Das ist der heutige „Barockton“: einen Halbton unter 440.
415 Hz
≈ 410–420
Naturtrompete (Clarinlage), Corno da caccia und Posaunebelegt
ca. 1680–1750Frankreich: „ton de chambre“ und Oper (Versailles, Paris). In Rom ähnlich tief
Einen Ganzton unter 440. Heute für Lully, Charpentier, Couperin und Rameau.
392 Hz
≈ 390–400
Naturtrompete und JagdhornNäherung
1751London: Stimmgabel, die Händel zugeschrieben wird
Eine erhaltene Stimmgabel aus der Zeit des „Messiah“.
422,5 HzNaturtrompete und Naturhornbelegt
ca. 1760–1820Wien und Mitteleuropa (Haydn, Mozart, früher Beethoven)
Ensembles mit historischen Instrumenten nutzen heute 430 für die Klassik.
430 Hz
≈ 420–435
Naturhorn mit Aufsteckbögen und Stopftechnik; Naturtrompete; Posaunen in Oper und Kirchenmusik; Klappentrompete (Haydns Konzert, 1796)Näherung
ca. 1815–1840Europa: Ventile kommen auf, die Stimmung steigt
Mit Ventilen spielen Trompeten und Hörner chromatisch; Tuba und Kornett entstehen.
440 Hz
≈ 430–450
Erste Ventile (Patent von Stölzel und Blühmel, Preußen, 1818), Ophikleide, Kornett und Tuba (Patent von Wieprecht und Moritz, Berlin, 1835)Näherung
ca. 1840–1860London, Paris und Wien: die „hohe Stimmung“ von Opern und Kapellen
Orchester stimmten für mehr Glanz immer höher, die Sänger klagten. London erreichte etwa 452.
452 Hz
≈ 445–456
Saxhörner von Adolphe Sax (1840er), Kornette, Tuben und Ventilposaunenbelegt
1859Frankreich: Gesetz über den „diapason normal“ (16. Februar 1859)
Die erste staatliche Stimmtonnorm.
435 HzSaxhorn- und Kornettfamilien; Militärmusikbelegt
1885Internationale Stimmtonkonferenz in Wien
Mehrere europäische Länder übernehmen die französischen 435 Hz. Britische Militärkapellen blieben lange bei der hohen Stimmung.
435 HzMilitärkapellen mit Tuben, Euphonien und Kornettenbelegt
1939Internationale Konferenz in London; Norm ISO 16 (1955, bestätigt 1975)
A = 440 Hz wird zum Kammerton, Standard fast aller Stimmgeräte.
440 HzModerne Blechblasinstrumente mit Pump- und Drehventilenbelegt
HeuteViele Orchester in Kontinentaleuropa
Viele Orchester stimmen für mehr Glanz etwas über 440.
442 Hz
≈ 442–443
Modernes BlechNäherung

Probier jede Stimmung im Stimmgerät oder beim Bordunton aus: unter „Historische Stimmung“.

Welches Tempo jede Bezeichnung meinte

Epoche oder QuelleBezeichnungTempoHinweis
Renaissance: der „Tactus“Tactus (normaler Schlag)Tactus-Schlag = 66Etwa 60 bis 80 pro Minute.
Barock: Quantz (1752), Puls 80Allegro assai (auch Presto, Allegro molto)Viertel = 160Die Halbe = ein Pulsschlag.
Barock: Quantz (1752), Puls 80Allegretto (auch Allegro ma non tanto, Moderato)Viertel = 80Die Viertel = ein Pulsschlag.
Barock: Quantz (1752), Puls 80Adagio cantabile (auch Cantabile, Larghetto, Affettuoso, Maestoso, Siciliana)Achtel = 80Die Achtel = ein Pulsschlag: Viertel = 40.
Barock: Quantz (1752), Puls 80Adagio assai (auch Grave, Lento, Largo assai, Mesto)Achtel = 40Die Achtel = zwei Pulsschläge: Viertel = 20.
Beethoven: seine eigenen Angaben (ab 1817)Sinfonie Nr. 5, I. Allegro con brioHalbe = 1082/4-Takt: ein Schlag pro Takt.
Beethoven: seine eigenen Angaben (ab 1817)Sinfonie Nr. 7, II. AllegrettoViertel = 76Das berühmte Allegretto: viel fließender, als es oft gespielt wird.
Beethoven: seine eigenen Angaben (ab 1817)Sinfonie Nr. 9, III. Adagio molto e cantabileViertel = 60
Modernes Metronom: übliche BereicheLargo (40–60)Viertel = 50
Modernes Metronom: übliche BereicheLarghetto (60–66)Viertel = 63
Modernes Metronom: übliche BereicheAdagio (66–76)Viertel = 70
Modernes Metronom: übliche BereicheAndante (76–108)Viertel = 92
Modernes Metronom: übliche BereicheModerato (108–120)Viertel = 114
Modernes Metronom: übliche BereicheAllegro (120–168)Viertel = 144
Modernes Metronom: übliche BereichePresto (168–200)Viertel = 184
Modernes Metronom: übliche BereichePrestissimo (200+)Viertel = 208

Alle diese Tempi kannst du im Metronom unter „Wie schnell spielte man damals?“ hören.

Warum sich der Stimmton änderte

Jahrhundertelang gab es keine Norm: Jede Stadt, Kirche oder Kapelle hatte ihre eigene Stimmhöhe, bestimmt von Orgeln und Blasinstrumenten. Blechblasinstrumente (Zinken, Posaunen, Naturtrompeten) wurden für die örtliche Stimmung gebaut. Im 19. Jahrhundert stimmten die Orchester für mehr Glanz immer höher, bis Frankreich 1859 per Gesetz A = 435 festlegte. A = 440 wurde 1939 international vereinbart.

Warum sich das Tempo änderte

Bis 1815 gab es kein mechanisches Metronom. Italienische Bezeichnungen (Adagio, Andante, Allegro) beschrieben eher einen Charakter als eine genaue Geschwindigkeit, und ihre Bedeutung wandelte sich: Im 18. Jahrhundert hieß „Andante“ „gehend“, also fließend; in der Romantik verstand man es langsamer, und das Tempo wurde flexibel (Rubato).

Quellen

Als „Näherung“ markierte Werte sind Mittelwerte aus historischen Quellen: Die tatsächliche Stimmung schwankte von Ort zu Ort.

Häufige Fragen

War das A immer 440?

Nein. Im Barock lag es je nach Ort zwischen etwa 392 und 466 Hz, im 19. Jahrhundert stieg es in manchen Städten über 450, und erst 1939 wurde A = 440 international vereinbart.

Was ist der Barockton 415?

Die Stimmhöhe heutiger Barockensembles, einen Halbton unter 440. Sie beruht auf dem deutschen Kammerton der Bachzeit.

Wie maß man das Tempo vor dem Metronom?

Mit körperlichen Bezügen: dem mit der Hand gegebenen Tactus oder, wie Quantz 1752 vorschlug, dem Puls eines gesunden Menschen, etwa 80 Schläge pro Minute.